GENERAL:
·
Grammar and expression are
mostly, but not always corrected. If it was not clear what the writer wanted to
say/express word order and syntax is kept as it originally was.
·
Names of people differ in the
spelling used by the writer(-s) and could thus be actually spelled differently.
KEY:
(grey) –
personal/explaining comments (I. Bednarz)
(?) – not sure about
transcription, translation or meaning
[…] – unreadable word
[---] – unreadable or cut
passage
G45-47:
Schaafheim, den 17 September 1871
Lieber Schwager und Schwester,
wenn euch mein Schreiben antrifft wie es uns alle verlässt,
dann soll es uns alle freuen. Es sind jetzt gerade 5 Jahre, dass wir nicht
gegenseitig geschrieben haben, aber in diesen 5 Jahren habe ich harte Streiche
leiden müssen. Im Jahr 1867 wurde ich mit einer Lungenkrankheit befallen, dass
man an meinem Wiederaufkommen zweifelte. `69 zwei Jahre später wurde ich von
derselben Krankheit wieder überfallen, doch aber durch schnelle ärztliche Hilfe
und Gottes Beistand wurde mein Leben gerettet. Weiter will ich euch schreiben,
dass deine Mutter den 30ten August morgens früh dem Herrn
entschlossen ist und den 2ten September begraben ist worden. Gott
gebe ihr die ewige Ruh.
Den 14ten September ist der Hartmann von Babenhausen
gekommen nach Schaafheim und überreichte mir einen Brief mit eurer Fotografie
worüber wir, ich und meine Frau und zwei Kinder, uns so herzlich freuten. Wären
sie 14 Tage früher gekommen, so hätte deine Mutter diese Freude genießen können,
euch einmal zu sehen.
Liebe Schwager und Schwester, eure Mutter hat noch ein
schönes Bargeld übrig gelassen wie ich gehört habe, so hat sie noch an Bargeld
5 bis 600 Gulden gespart, wo du auch noch Teil davon hast. Ich war schon bei
dem Bürgermeister, der sagte mir, dass du um keinen Kreuzer betrogen kannst
werden, das Gericht Großumstadt täte alles teilen. Der Winter ist ja bloß im
Beistand, er ist ja kein Vormund. Der kann dich um keinen Heller betrügen. Auf
deinen Rock wirst du aber verzichten müssen, denn in Schaafheim weiß man ja da
nichts davon, dass dem Winter sein Sohn so schlecht ist. Der sagt einem sein
Sohn wäre schlechter in Amerika. Der hat es deiner Mutter nicht gesagt und hat
uns auch nichts gesagt davon, dass du einen Brief geschrieben hast.
Dem Winter sein Sohn war schon in Deutschland ein
schlechter Mensch, denn er hat in Babenhausen bei Schlosser Arnold das
Schlosserhandwerk erlernen sollen und hat sich so schlecht aufgeführt, alles
zusammengeborgt und sein Kleidungsstück verkauft, bei den Juden Uhren geborgt,
sodass er ihn schnell fortschaffen hat müssen nach Amerika, er hat ihn ja zwei
Tage verstecken müssen sonst wäre er eingeführt worden. Dem Juden hat er auch
nichts bezahlt für seine Uhr. Weiter will ich noch schreiben, dass ich und
meine Frau und zwei Kinder sind bis jetzt noch recht gesund. Mein Sohn Nikolaus
war diesen Sommer den 24ten Juli 7 Jahre alt, meine Tochter
Katharina war den 14ten März 5 Jahre alt. Ich will schließen
wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, dann werdet ihr nochmal einen Brief
bekommen.
Lieber Schwager und Schwester, weiter will ich euch noch
schreiben, dass wir im vorigen Jahr mit bösem Kriegeswetter heimgesucht waren
gegen die Franzosen das Vaterland zu verteidigen, wie euch auch schon bekannt wird
sein, haben viele Deutsche ihr warmes Blut vergossen. Auch hat es unser
Anliegen betroffen, der Schwester Anna in Babenhausen ihr ältester Sohn ist bei
Gravelotte zweimal geschossen worden und ist nach 12 Tagen gestorben. In
Schaafheim hat es einen Mann betroffen, Peter Höraths Sohn [...], da weiß man
gar nicht wo er hingekommen ist. Noch will ich bemerken, dass unsere Brüder
Johannes und Peter Hitschler gestorben sind. Die Schwester Margaretha ist
gestorben, unserem Bruder Georg ein Sohn von 24 Jahren, welches seine größte
Stütze war, ist auch gestorben.
Lieber Schwager und Schwester, ich sage noch einmal
herzlichen Dank für dieses schöne Bild, das ihr uns geschickt habt. Sobald wir
die Gelegenheit dazu haben, werden wir euch dergleichen schicken.
Der alte Winter ist bis den Herbst zwei Jahre
wiedergekommen. Er hat sich aber wieder entschlossen sich wieder fortzumachen.
Sein Sohn, den er noch in Amerika hat, der hat ihm geschrieben, er solle zu ihm
kommen, weil seine Tochter ihr Kind auch gestorben ist, deswegen will er sich wieder
fortmachen.
Lieber Schwager und Schwester, macht euch keine Sorgen
wegen eurem Vermögen. Ich glaube in längstens 6 Wochen werdet ihr alles
bekommen und deine Mutter hatte keine Not und war nur 6 Tage krank gewesen, den
7ten Tag ist sie gestorben. Wenn ihr den Brief nicht genau versteht,
so gebt ihn dem Lehrer Burghardt, der wird ihn euch vorlesen.
Viele Grüße von uns allen.
Auch einen Gruß an L. Burghardt.
Ludwig Hitschler
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English
translation G45-47:
Schaafheim, September 17, 1871
Dear brother-in-law and sister,
If my letter reaches you the way it leaves us, all of us will be glad.
It has been 5 years that we haven’t corresponded but I went through some hard
stuff in that time. In 1867 I got attacked by a lung sickness as bad that one
thought I wouldn’t recover. ’69, two years later the sickness got me again but
I my life was saved by quick medical help and God’s support. Also, I want to
write you that your mother passed away August 30th early in the
morning and was buried September 2nd. God shall let her rest in
peace.
September 14th Hartmann from Babenhausen came to Schaafheim and handed
me a letter with your fotography which heartliy delighted us, me and my wife
and my two children. If only it had arrived 14 days earlier then your mother
would have had the pleasure to enjoy seing you.
Dear brother-in-law and sister, your mother left some nice cash behind
as I heard, she had saved like 5 to 600 guilder of which a part is yours. I
visited the mayoral, he said you couldn’t be cheated of any Kreutzer, the court
Großumstadt would share all of it. Winter is only an advisor, he can’t betray
you for any heller. But you will have to relinquish your coat because it is not
known here in Schaafheim that Winter’s son is so bad. He would say his son is
worse in America. He neither told us nor your mother about the letter from you.
Winter’s son was a bad person in Germany already because he was taught
the locksmith’s trade at locksmith Arnold and behaved so bad, borrowed
everything and sold his cloths, borrowed watches/clocks from the Jews, so that
he had to send him away to America quickly. Before he had to hide him for two
days otherwise he would have been incarcerated. He didn’t pay the Jew for his
watch/clock. In addition, I want to write that my wife and I and children are
still quite fine. My son Nikolaus turned 7 July 24th this summer, my
daughter Katharina turned 5 March 14th. I want to close, probably it
won’t take long and you will receive another letter.
Dear brother-in-law and sister, also, I want to write you that we were affected
by war last year and hat to fight for our fatherland against the French. As you
will probably know a lot of German’s shed their warm blood. It also affected
us, sister Anna’s oldest son from Babenhausen was shot twice in Gravelotte and
died 12 days later. In Schaafheim a man was affected, Peter Hörath’s son […],
one doesn’t even know where he ended. In addition, I want to remark that our
brothers Johannes and Peter Hitschler died. Sister Margaretha passed away and
our brother Georg’s son of 24, who was his biggest support, died too.
Dear brother-in-law and sister, I thank you again for the beautiful
picture you sent us. As soon as we will have the opportunity we will send you
one, too.
Old Winter had come back twice until fall. But he decided to go away
again. His son who he still has in America wrote him he should come there
because his daughter lost a child there, so he wants to leave again.
Dear brother-in-law and sister, don’t worry about your assets. I think
in 6 weeks the latest you will get everything and your mother didn’t suffer,
she has only been sick for 6 days and passed away the 7th day. If
you can’t understand the letter well, give it to teacher Burghardt. He will
read it to you.
Greetings from us all.
Give our regards to teacher Burghardt.
Ludwig Hitschler